Die Schönheit des leeren Raumes

Mrz 11, 2020Sei-ki - Blog

Der ungefüllte Raum ist wichtig in der japanischen Kultur. Er wird ma genannt, die ‚Schönheit des ungefüllten Raums‘. Kalligrafie ist ein Beispiel dafür. Da gibt es nichts Überflüssiges. Keine überflüssige Bewegung wird ausgeführt. Die Bewegungen in der Teezeremonie und im No-Theater sind ähnlich. Sie verkörpern Schönheit. Die traditionelle japanische Kultur ist vereint mit der Natur, was dem Konzept von mu-shin (‚Ich-Losigkeit) zugrunde liegt. Gibt es aber keine Schönheit, dann stimmt etwas nicht. Schönheit und Natur sind immer ausgeglichen und es gibt keine Schwierigkeiten. Sind sie aber nicht ausgeglichen, dann ist das nicht normal. Gibt es keine Schönheit, dann ist die Verbundenheit zur Natur gestört. Also Schönheit ist sehr wichtig im Sei-ki. Diese Empfindsamkeit oder dieses Gefühl, was Sei-ki zugrunde liegt, kommt aus der japanischen Kultur. Ich sage dies, weil je präziser du bist, umso ökonomischer und effektiver wird deine Praxis sein. Was ist die ökonomischste und effektivste Praxis? Sie existiert dann, wenn es keine überflüssige Bewegung gibt.  

(aus ‚Sei-ki: Das Verborgene in der Kunst des Shiatsu‘, A. Kishi, A. Whieldon, Seite 109/110)

Wer schon einmal in tiefer Verbundenheit mit einem Mensch in schweren Zeiten zusammen saß und die Resonanz und das Loslassen spürte, das ein gemeinsamer Atemzug auslöste – genau da in diesem Moment, genau richtig und sonst nichts – der weiß, von was Kishi hier schreibt. Die Schönheit liegt im Moment, frei vom Tun und der Überlegung. Es geschieht einfach. 

Vergangenes Wochenende war ich zu Gast im ShendoShiatsu-Institut in Köln. Wir haben drei Tage gemeinsam Sei-ki geübt und jeden Tag ein bisschen mehr losgelassen und uns dem leeren Raum hingegeben. Wenn man nicht bewertet, gibt es nicht mehr viel zu tun. Alles Überflüssige verschwindet und die Schönheit nimmt Raum. Das Herz öffnet sich und der Mensch geht seinen eigenen Weg. Ganz selbstverständlich. Ganz leicht. Ganz im Moment. Danke. Arigatō.

 

 

Autor: René Fix, Leiter des kiCollege