Somakratie – die Herrschaft des Körpers

Somakratie – die Herrschaft des Körpers

Auch wenn ich politisch anfange, ist dies ein Artikel über Körper, Geist, Seele und Heilung.

Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert der Demokratie, auch wenn diese schon vor vielen Jahrhunderten erfunden wurde und schon vor über 1000 Jahren als Staatsform umgesetzt wurde. Die Idee ist einfach: Das Volk übt die Macht aus (altgriechisch; demos= Volk, kratos= Macht).  Das Kollektiv entscheidet in Form von Abstimmung über die Geschehnisse im Land und ist somit die Instanz der Macht.
Die Demokratie hat sich vor allem im Westen als Staatsform durchgesetzt. 

Um gute und richtige Entscheidungen vom Volk für das Volk treffen zu können, braucht es Folgendes:

  • umfassende und neutrale Information
  • Freiheit
  • Bildung
  • Möglichkeit für Austausch und Diskurs
  • Zeit
  • maximale Beteiligung
  • Vertrauen
  • Werte und Ethik
  • Wissen um Naturgesetze und Grenzen
  • und einiges mehr

 

Jetzt gibt es da allerdings ein Problem.
Lobbyismus, Mediale Beeinflussung, Interessenskonflikte, Geld-Macht, Zeitdruck, Misstrauen, Resignation, Repression, etc. sind der freie Demokratie im Weg. Ist all das vorhanden, haben wir schnell die Demokratie verlassen. So einfach ist es. Es gibt keine wirklich freie direkte Demokratie auf dieser Welt. Darauf jetzt detailliert einzugehen, würde hier allerdings zu weit führen und soll auch nicht Thema dieser Betrachtung sein.  

Es geht mir nicht um Politik. Es geht mir um die Macht des Körpers und um das, was wir mit Shiatsu tun können, um diese Macht zu gestalten und zu befreien. Und so möchte ich von der Somakratie sprechen. Du wirst diesen Begriff nicht im großen Brockhaus finden 🙂 und auch nicht im Duden. Er wurde gerade erst erfunden. Somakratie ist die Herrschaft des Körpers (altgriechisch: soma= Körper; kratos= Macht). 

Es gibt hier interessante Parallelen zur Idee der Demokratie. 

Der Körper ist unendlich weise und intelligent. 
Er weiß, was zu tun ist, wenn es darum geht, Lösungen für Probleme zu finden.
Er regelt die Dinge auf ganz natürliche Weise.
Es braucht keinen Herrscher über den Körper, der für ihn entscheidet.
Der Körper ist ein Verbund von Einheiten, die kollaborieren.

Um die Aufgabe, die dieser Körper hat, bestmöglich zu bewerkstelligen, braucht es Folgendes:

  • umfassende und neutrale Information (über die Sinne)
  • Freiheit (physisch, emotional, spirituell, mental)
  • Bildung (im Sinne von Entwicklung)
  • Möglichkeit für Austausch (gesunder Stoffwechsel, gute Atmung, Bewegung)
  • Zeit (Ruhe versus Aktivität)
  • maximale Beteiligung (alle Organe, alle Körperteile, alle Sinne, Emotionen, etc)
  • Vertrauen (Angstfreiheit, Hingabe)
  • Werte und Ethik (Natur)
  • Wissen um Naturgesetze und Grenzen (liegt natürlich in jedem Wesen)
  • und einiges mehr

Und genau wie bei der unfreien Demokratie, gibt es auch hier erhebliche Schwierigkeiten.

  • Information
    • Wir sind sehr stark beeinflusst durch die Medien und durch die Erziehung. Die Infos, die unser KörperGeist erhält ist geprägt durch Moral, Machtinteressen, Ängste, Verkaufsinteressen (Pharma, Süßkram, Alkohol, etc.) und vieles mehr.
  • Freiheit 
    • Wir sind systemisch gebunden (Familie, Arbeit, Staat) und nicht immer frei, den körperlichen Prozessen den entsprechenden Platz einzuräumen.
  • Bildung
    • Unsere Entwicklung läuft oft systemgesteuert ab und weniger individuell, als evtl. nötig wäre (Schule, Studium, Arbeitsplatz, Ehe, etc).
  • Austausch
    • Unser Stoffwechsel hat mit Giften zu kämpfen (Alkohol, Zucker, Umweltgifte…) 
    • Unser Atem wird flach (Sitzen, Bewegungsmangel…)
    • Die Energie wird oben im Kopf/Nacken gehalten (Computerarbeit, wenig Kontakt zur Erde…)
  • Zeit
    • Wir leben im System und in der Routine von Arbeit-Freizeit-Schlaf. Individuelle Prozesse erfordern individuellen Umgang. Eine Regeneration erfordert Ruhe und Versorgtsein ohne Zeitdruck.
  • Beteiligung
    • Wenn ich fast nur sitze, mich überwiegend über die Augen mit Information versorge und mich so gut wie nie meinen Emotionen widme, dann schläft ein Teil meines Körpers ein und macht nicht mehr vollumfänglich mit.
  • Vertrauen
    • Wir sind fast alle traumatisiert und haben irrationale Ängste, die uns das Vertrauen rauben.
    • Wir haben wenig Kontakt zur Natur und zur Erde.
  • Werte
    • Die Natur sollte unser Wertesystem prägen. Doch ist es nicht meist stärker von Moral, Dogmen und Ängsten geprägt?
  • Naturgesetze
    • Wie gesagt, dieses Wissen liegt in jedem Wesen. Doch wird es von der Ratio, dem inneren Wissenschaftler, dem Saboteur und Zweifler oft erfolgreich boykottiert.

Dies sind nur ein paar Beispiele. Zu jedem Aspekt könnte man ein ganzes Buch schreiben. Und natürlich gilt das lange nicht für jeden Menschen. 

Unser Körper kann das. 

Wenn wir die Macht zurück haben wollen und unseren Körper/Geist entscheiden lassen wollen, was jetzt zu tun und zu lassen ist, müssen wir unsere Hausaufgaben machen. 

Was hält ihn davon ab, seiner Weisheit freien Lauf zu lassen? 
Welches Trauma prägt seinen Weg? 
Welcher Glaubenssatz und welche Moralvorstellung verbietet ihm etwas?
Wo ist seine Freiheit eingeschränkt?
Und und und

Im Shiatsu ist das immer Thema, auch wenn wir nicht darüber sprechen. Die Einblicke kommen von innen. Es entsteht eine Sehnsucht nach Freiheit. Es entsteht Vertrauen in den Körper und seine Intelligenz. Das Leben verändert sich und wird weicher, langsamer und tiefer. Es kommt zu Verbundenheit innerhalb des Körpers und auch mit dem, was außen geschieht. Es entsteht Kraft und Selbstbewusstsein. Der Körper kommt wieder in seine Machtposition. Der Mensch ermächtigt sich und handelt für sich und Seinesgleichen.

Somakratie. Nur ein freier Körper/Geist kann sein volles Potential nutzen, der Natur entsprechend die eigenen Prozesse zu regulieren. 

Autor: René Fix, Leiter des kiCollege

 

Shiatsu kostet Geld

Shiatsu kostet Geld

Shiatsu kostet Geld

Nichts ist umsonst… und das ist auch gut so. Denn Geld ist dazu da, eingenommen und ausgegeben zu werden. Wir leben in einem System, in dem wir das Geld zur symbolischen Größe für den Wert, den wir geben oder erhalten, ernannt haben. Wir tauschen nicht mehr Äpfel gegen Hühner oder Tischlerarbeit gegen Maurerarbeit. Wir bezahlen Dienste und Produkte mit Geld und erhalten Geld für unsere Dienste. Eigentlich eine schöne Sache und doch fällt es oft schwer, den Wert von etwas klar zu sehen und bereitwillig mit unserer symbolischen Gegenleistung, dem Geld auszugleichen. Noch dazu, wenn es in diesem System Mechanismen gibt, die dazu eingerichtet wurden, den Geldfluss einigermaßen zu steuern. Kosten für die eigene Gesundheit werden da z.B. üblicherweise von den Krankenkassen bezahlt. So haben wir im Laufe unseres Lebens immer wieder abgespeichert, dass diese Kosten für uns persönlich eigentlich gar keine sind, auch wenn wir Monat für Monat unseren festen Beitrag dafür leisten.
Kosten für unser Auto oder unser zu Hause fallen in eine andere Kategorie. Da müssen wir die Geldbörse selbst aufmachen, ganz klar.
Es gibt also direkte Kosten und indirekte Kosten.
Und tatsächlich gibt es auch Dinge, die nichts kosten, doch ohne Preis sind die auch nicht… aber das ist eine andere Geschichte.

Shiatsu ist in Deutschland eine Privatleistung, sprich die Kosten für eine Shiatsubehandlung werden nicht von den Krankenkassen und bis auf ganz seltene Ausnahmen auch nicht von den privaten Krankenversicherungen bezahlt.

Eine Behandlung kostet meist zwischen 60,- und 90,- Euro. Je nach Region und Praktiker gibt es natürlich auch Ausreißer nach unten oder oben. München dürfte naturgemäß teurer sein als Magdeburg.

Nicht selten geht man mehrfach in Folge zu einer Behandlung. Wir sind ja keine Maschine, bei der man einen Fehler diagnostiziert und welche man an einem Tag reparieren kann. Bei uns Menschen braucht es oft Zeit, bis sich eine Veränderung etabliert oder ein gewünschter Effekt einstellt. Wie oft man zum Shiatsu geht, hängt stark davon ab, was man für Ziele hat und wie gut man sich auf das, was man während der Behandlung und danach erlebt, einlassen kann. Ich habe schon Menschen behandelt, die mir nach Monaten erzählt haben, dass diese eine Behandlung damals einen riesengroßen Stein ins Rollen gebracht hat und sie immer noch davon zehren. Toll.
Die Allermeisten werde sicher mindestens 5 Termine im ein- bis zweiwöchigen Abstand nehmen.

Uiuiui, das sind dann schnell mal € 400,- oder mehr. Und ja, ich gebe zu, das sieht nach ner ganzen Menge Geld aus. Dafür kann man sich schon einen PC kaufen, einen Fernseher, eine Waschmaschine oder sich neu einkleiden. Auf der anderen Seite sind das nur ein paar Tage Urlaub, neue Bremsen am Auto, eine Reparatur am Dach oder irgendeine unnütze Versicherung. Man sieht, es ist alles relativ.

Wenn ich für diese € 400,- mich wochenlang „berührt“ fühle, mich in besserem Kontakt mit mir selbst empfinde, erfahre, wie ich mich entfalte und meine Wünsche angehe und vor allem mein Glück, meine Gesundheit, meine Beziehungen und meine Zukunft damit nähre, fällt es mir leicht den monetären Gegenwert zu akzeptieren. Das ist ja gerade das schöne an uns Menschen. Wir sind zwar oberflächlich rational, aber tief in uns sind wir emotionale, liebende Wesen. Wir lieben es Dinge zu kaufen und zu erleben, die uns emotional berühren und das ist wundervoll. Zu Zeiten, in denen man nicht viel kaufen konnte (wie z.B. in der DDR) hat man sich mehr auf´s Erleben verlassen und in Zeiten, in denen man alles kaufen kann (wie heute) tendiert man mehr zum kaufen. Das ist ganz natürlich, denke ich.

Shiatsu kannst Du erleben und kaufen. Du hast danach zwar nichts in der Hand, dafür aber in jeder Zelle Deines Körpers. Es lohnt sich.


Autor: René Fix, Leiter des kiCollege

 

Nichts ist sicher

Nichts ist sicher

Gerade sehen wir es wieder ganz deutlich. Die Welt dreht sich und wird immer turbulenter. Die politische Situation ist wackelig und gefährlich. Nichts ist sicher.

Heute sind wir gesund, morgen krank. Ein lieber Mensch stirbt und nichts ist wie zuvor.

Alles ist im Wandel. Und doch sehnen wir uns so sehr nach Sicherheit und Verlässlichkeit. Meist sind wir uns mit dieser Sicherheit ganz besonders sicher.

 

Beim Shiatsu müssen wir das aufgeben.

Kontrolle und der Versuch, auf der sicheren Seite zu sein, steht im krassen Gegensatz zu dem, was unsere Shiatsuarbeit so kraftvoll macht. Der direkte Kontakt, von Mensch zu Mensch, von Herz zu Herz, mitten rein in die unvorhersehbaren Bewegungen des Lebens.

In den frühen Tagen meiner Shiatsupraxis habe ich mich oft festgehalten an den frisch gelernten Konzepten. Ich habe bestimmte Fragen gestellt, hatte einen relativ festen Behandlungsplan, mit dem ich mich durch die Sitzung bewegt habe, hatte meine Raster für die Befundung und wollte in einer Stunde eine richtig gute Behandlung geben. Wobei ich auch zu „gut“ eine konkrete Idee im Kopf hatte. All das gab mir Sicherheit und ließ mich mutig rausgehen mit meiner Arbeit.

 

Shiatsu ist authentische Begegnung

Doch all das wurde immer von meinen KlientInnen über den Haufen geworfen. Shiatsu ist authentische Begegnung. Nichts lässt sich festhalten in einer authentischen Begegnung. Und erst hier wird es so richtig spannend. Ein Fluss sucht sich seinen Weg, wenn er nicht eingemauert wurde. Oft sind wir überrascht von der neuen Richtung, die er einschlägt.

Doch auch die KlientInnen kommen meist mit festen Vorstellungen. Sie wollen eine Lösung für ihr Problem. Eine Lösung, die sie wieder in Sicherheit bringt. Und gerne auch eine Lösung die eine gewisse dauerhafte Gültigkeit hat. Sie wollen auch wissen, wie lange die Sitzung dauert, was sie denn „haben“, wie oft sie wieder kommen müssen und überhaupt, was genau Shiatsu eigentlich ist und kann. Wenn wir ganz ehrlich sind, können wir keine dieser Fragen beantworten, nichtmal im Ansatz. Wir wissen nichts. Wir projizieren einzig aus unserer Erfahrung und der Erfahrung anderer auf die Zukunft oder die aktuelle Situation. Doch von dem Leben, welches durch den Körper und das Wesen der Person, die zu uns in die Praxis kommt, zum Ausdruck kommt, haben wir nur eine vage Ahnung. Und das ist auch gut so. Hier kommen wir dem Shiatsugeist näher. Je mehr Sicherheit wir mit dem wollen, was wir tun, umso mehr beschränken wir unsere Möglichkeiten und natürlich auch die Möglichkeiten unserer Klienten. Ganz so wie in dem Bild mit dem eingemauerten Fluss.

Die Möglichkeit sind unendlich vielfältig und dem kann ich Raum geben im Shiatsu. Darum geht es viel mehr als um das Beheben eines Symptoms oder das Stillen eines Bedürfnisses.

Heute arbeite ich daher in erster Linie mit Prinzipien und nicht mit Behandlungskonzepten. Diese Prinzipien erden mich und binden mich an meine eigenen Fähigkeiten an, lassen auf der anderen Seite aber einen riesigen Entfaltungsspielraum.

Es gibt viele Prinzipien, die man im Shiatsu beherzigen kann. Und ich spreche nicht von dem Handwerk Shiatsu. Das Handwerk habe ich gelernt. Sprich: die Art der Berührung, die Technik, das in Verbindunggehen mit Resonanz, und und und.

Für mich sind es die Prinzipien, die meine Haltung betreffen, die entscheidend sind und prinzipiell in der Shiatsubegegnung da sein müssen.

 

Achtsamkeit – Liebe – Freiheit – Gelassenheit

Achtsamkeit… lässt mich wahrnehmen

Liebe… lässt mich in Verbindung gehen, von Herz zu Herz

Freiheit… lässt mich nichts festhalten

Gelassenheit… lässt mich im Frieden sein

 

 

Zwei Sitzungen können sich sehr unterschiedlich anfühlen und sogar ganz verschieden aussehen. Und jede Einzelne ist eine Überraschung, auf die ich nicht vorbereitet bin. Somit kann es auch keine Sicherheit geben. Nichts ist sicher. Nichtmal, ob die Klientin am Ende bezahlt und wieder kommt. Damit müssen wir leben. Es kann sogar sein, dass eine Klientin während meiner Behandlung einen Herzinfarkt oder einen epileptischen Anfall bekommt. Nichtmal meine Versicherung schützt uns davor. Jeder Schritt, den wir gehen, wird gefolgt von einem neuen Schritt. Schon der übernächste Schritt ist kaum noch zu erfassen, geschweige denn zuverlässig zu planen.

Also lasst uns good bye sagen zur Scheinsicherheit. Shiatsu ist ein wundervolles Feld, dies zu üben und darin sicherer zu werden 😉


Autor: René Fix, Leiter des kiCollege

Vom Widerstand zum Potential

Vom Widerstand zum Potential

​Ich habe eine Meinung. Zu vielen Dingen habe ich eine Meinung. Und es ist so leicht, mit dieser Meinung durch zu brennen. Wenn ich meiner eigenen Meinung so viel Raum geben, dass ich damit die Meinungen anderer zunichte mache, dann erzeuge ich großen Widerstand. Mein Ego bäumt sich auf und wird stärker und stärker. Es wird kampfbereit. Bereit für den Kampf gegen andere starke Meinungen und somit andere Egos. Der Widerstand wächst auf allen Seiten. Was bringt mir das? Widerstand ist zwecklos, heißt es, doch ist das wirklich so? Mein Ego will sich dagegen stemmen. Es will recht haben. Doch was will ich? Was will dieses Ich, das unter diesem Ego liegt? Ich will Frieden. 

Zurzeit gehen viele Menschen auf die Strassen für Frieden und Menschenrechte. Doch die Egos sind im Widerstand. Die Ganze Bewegung vereint sich sogar unter dem Titel des Widerstands. 

Frieden kann niemals im Kampf gefunden werden. Es ist ein Widerspruch in sich. 

Im Shiatsu suchen wir den Frieden. Bei allem, was man über die „Methode“ Shiatsu sagen kann, über die Techniken, die Meridiane, die Wirkung etc., steht für uns am kiCollege dieser Aspekt des Friedens ganz im Zentrum der Begegnung. Frieden ist Begegnung. In dieser Begegnung entsteht Fluss. Widerstand verhindert das Fließen. 

Lieben was ist.

„Jedes Mal, wenn Du jemanden angreifst, tut es Dir weh.“ (Byron Katie)

Die spirituelle Lehrerin Byron Katie hat ein großartiges Buch geschrieben mit dem Titel „Lieben was ist“. Sie ist vor vielen Jahren aus einer sehr schweren Depression erwacht. Sie hat ihren Widerstand erkannt und ist in die unmittelbare, grenzenlose Akzeptanz gefallen. Sie hat sich selbst geheilt. Es war ihr Widerstand, der sie bis dahin festgehalten hat. Sie hat sich selbst damit angegriffen. Sie hat sich selbst damit geschädigt. In dem Moment, als sie der Realität ins Auge blickte und erkannt, was jetzt ist, hat sie aufgegeben – im positiven Sinne. Ihr Buch ist sehr lesenswert.

Wenn Du körperlichen oder emotionalen Schmerz hast, ist es sinnlos, dagegen zu handeln. Du kannst nichts dagegen tun. Ein „Dagegen“ impliziert Widerstand. Du willst es weg haben. Selbst ein Dafür ist schwierig, liegt darunter doch oft ein Dagegen. Das Ego ist tricky. Es will Recht haben und es will die Dinge so haben, wie sie seiner Meinung nach sein sollten. Daher ist es so wichtig, diese Eben zu verlassen in der Heilarbeit. Solange man gefangen ist in der Identifikation mit „Was ist richtig und was ist falsch?“ oder mit „Wie will ich es haben?“, handelt man für oder gegen etwas – oft beides: für und gegen. 

Im Shiatsu arbeiten wir nicht auf dieser Ebene. Natürlich kommen Menschen mit einem konkreten Anliegen, mit einer Symptomatik oder einer herausfordernden Lebenssituation, für die sie sich Veränderung wünschen. Das ist alles natürlich und willkommen. Doch in der Berührung und der Begegnung verlassen wir diese Ebene. Wir suchen Frieden. Und dieser Frieden ist nur möglich im Einverständnis und der Erkenntnis der unumkehrbaren Realität des Augenblicks. Es ist jetzt, wie es ist. Und das schauen wir uns in Liebe an. Was danach geschieht, steht auf einem anderen Blatt. 

Dies ist nicht zu verwechseln mit Gleichgültigkeit, ganz im Gegenteil. Es geht um den vollen Respekt für das, was man erschaffen hat. Und ebenso geht es um den vollen Respekt für das Potential, das jedem Menschen innewohnt. 

Es ist unglaublich kraftvoll, sich dort hin zu begeben und zu erleben, wie diese Energie frei wird. Denn Widerstand bündelt sehr viel Energie. Und diese Energie kann kreativ vom Körpergeist genutzt zu werden, wenn sie nicht mehr gebraucht wird, um den Widerstand aufrecht zu erhalten.

Ich wünschte mir, dass wir das verstehen. Auch und gerade in dieser politisch sehr turbulenten Zeit. Dagegen zu sein ist einfach. Für etwas zu sein schon etwas herausfordernder. Der Königsweg ist die Hingabe und die liebevolle Nutzung des wahren Potentials, welches frei verfügbar wird.

Morgen ist der 1. September und das klingt schon stark nach Herbst. Es geht weiter im Jahreszyklus. Wenn ich nach diesen schönen Sommerwochen an den regnerischen Herbst denke, kommen auch Widerstände. Das ist nur menschlich. Und ich nutze diese Erkenntnis, um mich in Hingabe zu üben.

Das Leben ist ein dynamischer Prozess und wir sind mitten drin. 

 

Autor: René Fix, Leiter des kiCollege

 

Sehr, sehr traumatisch

Sehr, sehr traumatisch

Clean Language und Shiatsu in der Trauma-Arbeit

Ein Artikel von Nick Pole und Peter Cadney (aus dem Englischen von Wolfgang Löffler)

 

Wenn der Klient mitten in der Behandlung Kontakt zu einem Trauma bekommt, das mächtige Emotionen freisetzt, die den ganzen Raum einnehmen, was können wir dann tun? Die japanischen Wurzeln von Shiatsu sind nur wenig hilfreich, wenn es darum geht, das Gespräch in die Behandlung einzubauen. Daher ist die Sprache, die wir hier im Westen benutzen, üblicherweise von einem psychotherapeutischen Zugang geprägt. Pioniere in der Arbeit mit der Psychologie des Traumas, wie Peter Levine, Bessel van Der Kolk, Pat Ogden und Babette Rothschild haben Trainings für die Arbeit mit Trauma entwickelt, die sowohl den Körper als auch den Geist berücksichtigen. Sie alle bedienen sich einer Art von konstruktiver Sprache, die dem Klienten das Gefühl gibt, er kann auf die Bremse steigen, an einen sicheren Ort zurück kehren und mehr oder weniger die Kontrolle behalten, während sie zugleich die Hinweise erforschen, die Körper und Geist bieten und die verraten können, wie man das Unfassbare erfassen kann.

In dieser Fallstudie nutzen wir Auszüge aus einem Workshop, um herauszufinden was passiert, wenn Trauma während einer Sitzung unerwartet hochkommt. Nick, der Lehrer, zeigt, wie man eine Art der konstruktiven Sprache nutzt – den Frageprozess namens Clean Language, entwickelt von dem neuseeländischen Psychotherapeuten David Grove – um Peter bei der Erforschung eines seltsamen und recht rätselhaften Problems zu helfen, als eine Art und Weise, eine Shiatsu Behandlung zu beginnen.

Das grundlegende Prinzip von Clean Language ist es, sehr einfache Fragen zu stellen, wie zum Beispiel „Welche Art von…?“, „Wo ist…?“ oder „Ist da noch etwas mit…?“ und nach Möglichkeit die Schlüsselwörter, die der Klient gerade benutzt hat, in die nächste Frage zu inkludieren. So wird der Klient eingeladen, Worte nicht einfach als Bezeichnung für Schubladen für seine Symptome einzusetzen, sondern stattdessen tatsächlich emotionell und körperlich wahrzunehmen, wofür diese Schubladen stehen. Tatsächlich hat eine der besten Möglichkeiten, wie uns konstruktive Sprache im Shiatsu helfen kann, weniger mit den Worten selbst tun, als mit den Gesten und Bewegungen, die die Klienten machen, während sie über ihr Thema sprechen. Üblicherweise ist sich der Klient dieser Bewegungen kaum bewusst und sie ihm dann bewusst zu machen ist oft der Startschuss zur Veränderung dieser energetischen Muster, die Trauma im Körper abspeichern. Und das bereitet den Weg für die Shiatsu-Behandlung.

 

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In dieser überarbeiteten Mitschrift sind Nicks Fragen fettgedruckt und sowohl Nick als auch Peter haben gelegentlich Kommentare eingefügt.

Du hast mir vorhin beim Mittagessen über dieses Problem beim Arbeiten am Computer erzählt…?

Nach 15 Jahren Arbeiten am Computer hatte ich den Knackpunkt erreicht und alles hingeschmissen um ein ruhigeres Leben am Land zu führen, um zu lernen mich selbst zu versorgen und im Freien körperlich zu arbeiten. Danach, als ich wieder mit Computern zu tun hatte, entdeckte ich eine Art Unbehagen, das sich langsam zu verstärken schien. Es scheint mein Bewusstsein aus meinem Körper zu ziehen. Es ist fast so, als ob mein ganzer Körper so schnell wie möglich weg möchte und es ist sehr unangenehm. Und wenn ich den Computer längere Zeit benutze, muss ich danach wieder an meiner Erdung arbeiten oder mein Hirn dreht durch und unangenehme Gefühle kommen in meinem Körper hoch.

Als Peter uns das erzählt, sind seine Stimme und Gestik voll von Informationen. Als er über das wachsende Unbehagen spricht, hebt er seine Hände in schnellen fließenden Spiralbewegung in Richtung seiner Brust; wenn er davon spricht so schnell wie möglich weg zu kommen, hält er seine Hände mit den Handflächen zueinander, nur ein paar Zentimeter von einander entfernt und sie bewegen sich ruckartig von einer Seite zur anderen, so als ob sie einmal in eine Richtung gezogen würden und dann wieder in die andere.

Und wenn dein ganzer Körper so schnell wie möglich weg möchte und es sich sehr unangenehm anfühlt, was passiert dann?

Wie ein ängstliches Gefühl.

Nick ahmt Peters Gesten nach – seine rechte Hand hält er unbeweglich vor seinem Solar Plexus.

Nick spricht zur Gruppe: Wir versuchen hier nicht ein Problem zu lösen, wir helfen Peter nur das Muster zu zerlegen, wir fragen daher nicht warum er ängstlich wird, oder was ihn davon abhalten würde ängstlich zu werden, wir suchen nur nach einer offenen Frage um dieses ängstliche Gefühl erforschen zu können.

Und wo ist ängstlich?

Hier. Peter deutet auf seinen oberen Brustbereich und auf den Bereich des Halses.

Und wie ist es dort?

Es gibt eine lange Pause während Peter sein Inneres erforscht.

Eng, einengend, würgend, verschlossen. Er hustet.

Und wenn es eng ist und einengend, würgend, verschlossen, was passiert dann?

Husten.

Ist da noch was mit diesem Husten?

Warnend, alarmierend.

Und wenn es warnend ist, alarmierend, was passiert dann?

Witzelnd. (im engl. Original „Joking.“, Anm. d. Übersetzers)

Würgend…? (im engl. Original „Choking…?“, Anm. d. Übersetzers)

Witzelnd. (im engl. Original „Joking – with a J.“, Anm. d. Übersetzers)

Was für eine Art witzelnd?

Peter macht erneut eine lange Pause, sein Kopf ist gesenkt, als ob er starke Emotionen fühlen würde. Seine rechte Schulter beginnt sich zu bewegen, so als ob sie versuchen würde einen verspannten Muskel zu lösen.

Und ist da noch etwas damit? Nick kopiert Peters Haltung und Schulterbewegung.

Ich möchte es nicht mehr tun – das ist es was damit hochkommt. Ich möchte nicht.

Und wenn du es nicht mehr tun möchtest, was passiert dann?

Dann kommt mir der Name ‚James‘ in den Sinn, der eine Bedeutung für mich hat.

Bedeutung?

James war ein Freund, der gestorben ist, als ich siebzehn war… vor etwa zehn Jahren.

Nicks Gefühl sagt ihm an diesem Punkt, dass etwas Tiefgreifendes und Kraftvolles passiert ist – fast so als ob James irgendwie den Raum betreten hätte.

Kann ich hier für einen Moment innehalten und James und deine Erinnerung an ihn ehren? Peter, nimm dir die Zeit, die du für das brauchst, was gerade passiert… (lange Pause)… und wenn es OK für dich ist weiter zu machen, lass es mich wissen.

Yep. (Peter ist noch eine Zeit lang still und lächelt dann) Das verläuft nicht so wie ich es wollte! (Die Gruppe lacht).

Ist da noch etwas mit James?

Ist da noch etwas mit James? Gute Frage. Es war eine turbulente Zeit in meinem Leben. Und… (Versucht zu sprechen aber es kommen keine Worte – begleitet von einem leisen würgenden Geräusch) und ich habe mit ihm Musik auf dem Computer gemacht.

War da noch etwas mit dem auf dem Computer Musik mit ihm machen?

Ich denke, das ist die Vernunft in meinem Kopf, die sagt: „Da bin ich also, ich mag es nicht am Computer zu arbeiten und ich habe mit James gearbeitet und James ist gestorben und ich habe Musik am Computer gemacht.“

Peters rechte Hand beschreibt einen Kreis um seine Herzgegend.

Und ist da noch etwas mit dieser Bewegung? Nick macht die kreisende Bewegung nach.

Das ist langweilig. Ich habe das oft gemacht.

Was meinst du?

Das hatte ich schon oft hinter mir. Immer und immer wieder, und noch einmal und hier bin ich wieder, zurück am Anfang.

So das ist also der Punkt wo es irgendwie nicht weiter geht?

Ja, genau.

Nick spricht zur Gruppe: Es ist also die Holz-Energie, die nicht fließt und Peters Gestik hat vielleicht angedeutet, wo sie nicht fließt und wir könnten einfach hier mit der Shiatsu-Behandlung beginnen. Aber erst, lasst uns noch eine andere Frage aus der Clean Language stellen:

Wenn es so ist und es geht immer und immer so weiter und es ist langweilig, was hättest du gerne dass passiert?

(Nach einer langen Pause) Ich möchte weiter gehen.

Und kannst du weiter gehen?

Ja, kann ich. Aber wenn ich sage ich kann weiter gehen, sagt etwas tief drinnen ‚Kannst du?‘

Und hier, zum ersten Mal, habe ich das Gefühl, dass dein Körper oder dein Chi, oder wie auch immer du es nennen möchtest, mich bittet, etwas Shiatsu zu machen; wäre das OK?

Ja.

Nicks Kommentar: Zu diesem Zeitpunkt war es als würde Peters Körper sagen ‚Arbeite an meiner rechten Schulter!‘ In diesem Fall beginne ich oft direkt mit Shiatsu – wenn ich spüre, dass eine Einladung von Seiten des energetischen Feldes des Klienten vorliegt, nicht davor. Dass bedeutet, wenn ich weiß, dass sie Hilfe durch direkte Berührung benötigen. Bis zu diesem Zeitpunkt ist es so, als ob sie sich über die Clean Questions selbst Shiatsu geben würden.

Nick beginnt am Gallenblasenmeridian an Peters rechter Schulter im Sitzen zu arbeiten und stellt mehr Fragen während er arbeitet.

Und da ist etwas, das sagt ‚Kannst du?‘ Was ist das?

(Peter macht einen tiefen Atemzug) Einen Abschluss?

Und wo ist ein Abschluss?

Einen Abschluss kann ich hier fühlen. Peters linke Hand verbindet sich mit der rechten Seite seiner Brust.

Und ist da noch etwas mit dem Abschluss dort?

Wieder lange und bewegende Stille als Peter eine starke Empfindung hat.

Peters Kommentar: Hier habe ich mich nach vorne gelehnt, mich mit meinen Händen am Boden abgestützt. Meine Atmung wurde tiefer und das Gefühl wurde recht intensiv, eine Menge emotionaler Energie kam frei, Tränen und Traurigkeit und es fühlte sich an, als ob ich eine Atemübung machen würde, etwas, wofür ich mich in den letzten 18 Monaten zu interessieren begonnen hatte, weil ich das Gefühl hatte, dass ich eine Möglichkeit brauche, um eine tiefe emotionelle Ladung auszudrücken.

Meine Hand beginnt zu Erkunden. Ich weiß nicht, ob ich schon die richtige Art von Kontakt habe, was würdest du sagen… ist das OK?

Mhmm. Peter macht einen tiefen seufzenden Atemzug.

Was ist jetzt passiert?

Es ist eine Erleichterung. Er atmet wiederholt tief aus, während Nick den Dickdarm- und Gallenblasenmeridian an seiner rechten Schulter behandelt.

Ist das OK?

Es fühlt sich an, als ob sich hier etwas öffnen würde.

Und wenn es sich anfühlt, als ob es sich öffnen würde, was passiert als Nächstes?

Weiter tiefes, emotionales Atmen von Peter.

‚Loslassen‘. Nur diese Worte.

Und ist da noch etwas mit diesem ‚Loslassen‘?

Nicks Kommentar: Darauf gab es von Peter keine verbale Antwort, aber die Antwort seines Energiefeldes war eine Art Piepsen in seinem unteren Rücken, also legte ich meine Hände dorthin.

Und was ist hier?

Da ist Tiefe.

Und ist da noch etwas mit dieser Tiefe?

Wieder Antwortet Peter nicht, aber das ist eine Menge Bewegung in seinem Körper.

Und was passiert jetzt, mit all dieser Bewegung?

Peter beginnt leise zu lachen, gefolgt von einigen sehr emotionellen Atemzügen.

Nimm dir nur Zeit und nimm wahr was du spürst… mmm. Und kann ich dir eine Frage stellen, während du bei deinem Gefühl bleibst?

Peter nickt.

Wie ist der Kontakt hier, in deinem unteren Rücken?

Unterstützend und zulassend. Ich habe ein kindliches Gefühl von in-den-Körper-kommen und sich auf das Gefühl einlassen das hoch kommt. Ich erlaube diesem Gefühl zu bleiben, lasse mich darauf ein und es wird zu einem Witz und dann eine angenehme Erfahrung.

Eine weitere, sehr lange Pause.

Wäre es OK langsam wieder in eine sitzende Position zurück zu kehren, da es schon fast Zeit ist zu beenden?

Mhmm.

Peters Kommentar: Ich erinnere mich daran, dass ich lieber so geblieben wäre wie ich war um weiter zu machen, aber wegen dem Workshop habe ich mich aufgesetzt.

Und wie ist es jetzt?

Gut. Es ist erhebend. Es hat sich in dem Moment den ich beschrieben habe, wie Erfüllung angefühlt, so wie ein freudiges Öffnen – im Herzen.

Und geht das noch weiter?

Ja, es hat sich so angefühlt, als ob mir das Reden gut getan hat, aber auch so, als ob die Fragen das Gefühl unterbrochen haben.

Und wie ist es jetzt hier und hier? Nick zeigt auf Peters rechte Schulter und rechte Seite.

Großartig. Es fühlt sich jetzt gut an, wie Frieden – wie eine Erlösung.

Ich würde gerne noch einmal auf das ursprüngliche Problem zurück kommen. Es ist noch zu früh, um zu sagen, ob sich etwas verändert hat, wenn es um die Arbeit am Computer geht, aber sicher hat es etwas mit James zu tun, was sich verändert zu haben scheint. Kannst du dazu etwas mehr sagen?

Mmm, Friede ist alles was mir dazu in den Sinn kommt. Es hat sich angefühlt wie ‚Aah, das ist worauf ich gewartet habe…‘. Es hat sich angefühlt, als ob der gesamte Bereich Aufmerksamkeit bekommen hätte – das bekommen hätte was er gebraucht hat.

Und wie sieht es mit deinem Gefühl aus, das immer und immer wieder durchgemacht zu haben?

Ich habe definitiv eine Verbindung zwischen der Arbeit am Computer und der Geschichte mit James hergestellt, aber jetzt sehe ich das klarer. Dieses Gefühl, vor Allem als ich mich zum ersten Mal an den Computer gesetzt habe um Musik zu machen – es ist fast jedes Mal dasselbe Gefühl, wenn ich am Computer sitze – unangenehm, ängstlich, etwas wo ich nicht sein möchte. Das könnte sich leicht nach dieser Sitzung verändert haben. Ich denke, jetzt werde ich in der Lage sein, zurück zu gehen und bei der Arbeit am Computer eine andere Erfahrung zu machen.

Bezüglich des Traumas – ich benutze das Wort hier mit Vorbehalt, weil ich nicht weiß, wie traumatisch das für dich war…

Diese Sitzung? (Die Gruppe lacht).

Nein, nein, ich meine die Sache mit James…

Sehr, sehr traumatisch.

Nicks Kommentar an die Gruppe: Eine sehr gute Beschreibung dessen, was bei Trauma passiert ist, dass es eine Mischung zwischen einem Staubsauger und einem Scheinwerfer ist. Der Scheinwerfer des intensiven Bewusstseins scheint plötzlich auf alles, was in diesem traumatischen Augenblick passiert und dann ist da der Staubsauger, der alles ins Gedächtnis saugt, das der Scheinwerfer enthüllt – das ist wie wir zu überleben lernen. In dem ganzen Trauma um James, hat der Scheinwerfer des Hyper-Bewusstseins den Computer eingebunden und er wurde aufgesaugt. Alles was wir mit dem Dickdarm- und dem Gallenblasenmeridian gemacht haben, war nur dazu da, die Assoziation aufzulösen und die Dinge weiterziehen zu lassen.

Ein paar Fragen aus der Gruppe:

Kommst du jemals an einen Punkt, von wo aus du jemanden nicht mehr aus dieser emotionalen Öffnung zurückholen kannst?

Im Zugang mit Clean Language hat der Klient immer die Kontrolle über den Prozess und wir bitten im Zweifelsfall immer um Erlaubnis, um einen Schritt weiter gehen zu können. Erinnert euch, dass Peter sich selbst erlaubt hat, dahin zurück zu gehen und wenn er sich damit nicht wohl gefühlt hätte, hätte er sich wahrscheinlich nicht erlaubt, das zu tun. Peter hat offensichtlich eine Menge Erfahrung mit verschiedenen Körper-Geist-Therapien, wenn wir aber mit jemandem gearbeitet hätten, der nicht über dieser Art der Erfahrung verfügt, hätte es in dieser Sitzung einige Stellen gegeben, wo man auf die Bremse steigen hätte können und sagen: „Möchtest du dich jetzt hinlegen?“ und unabhängig von der jeweiligen Erfahrung, wäre es sicher gewesen, etwas Shiatsu zu machen, an dem Punkt zu dem der Klient sich selbst erlaubt hätte zu gehen.

Uns wurde gesagt: „Wenn du nicht als Therapeut ausgebildet bist, mach das nicht“.

Es ist professionell, unsere Grenzen zu kennen und zu wissen, wobei wir uns wohl fühlen, aber je mehr Erfahrung wir haben, desto eher bleiben wir dabei. Für mich lautet die Frage: Was nicht tun? Was ist ‚das‘ was wir nicht tun? Wir sind hier mit einem Menschen und all seinen Meridianen und seinem ganzen Leben, was also tun wir nicht? Es ist der Klient, der führt und wir folgen nur.

Letzter Kommentar von Peter:

Am Abend nach dem Workshop saß ich vor meinem Computer und es hat sich anders angefühlt. Nach einer Weile musste ich mich aber hinlegen, da noch mehr Emotionen hoch kamen. Das hat mein Gefühl bestärkt, noch eine Sitzung mit Nick zu machen und nach dieser bemerkte ich jedenfalls eine große Verbesserung bei meiner Fähigkeit am Computer zu arbeiten, obwohl es noch Probleme dabei gibt, an denen ich noch arbeite. Für mich war diese Erfahrung eine wunderbare Lehre in Sachen Clean Language und ihrer Wirksamkeit. Nach dem Workshop habe ich weiter geübt und mir selbst Fragen gestellt und der Körperintelligenz erlaubt, sich auszudrücken. Seit dem Workshop habe ich Clean Language als Kern meiner eigenen Arbeit mit Shiatsu angenommen. Es hat mit eine authentische Art der Kommunikation geschenkt, die meinen Klienten hilft, in tiefere Schichten ihrer selbst vorzudringen und ihnen außerdem Kontrolle über ihren eigenen Prozess der Selbstfindung gibt.

Autoren:
Nick Pole integriert Clean Language seit 15 Jahren in Shiatsu und sein neues Buch „Words That Touch – How to Ask Questions Your Body Can Answer“ erscheint am 21. Februar 2017 im Singing Dragon Verlag.
Peter Cadney hat Erfahrung mit Shiatsu, Atemübungen und Klangtherapie, praktiziert Qi Gong, Yoga, Tanz, Energiearbeit und Meditation. Er lebt in Manchester und arbeitet mit einzelnen Klienten ebenso wie in Workshops und Retreats weltweit.
Dieser Artikel wurde erstmals im Shiatsu Society Journal (UK), Winter 2016, Ausgabe 140 veröffentlicht.

LITERATURVERZEICHNIS
Finden Sie mehr Informationen über Clean Language auf www.cleanlanguage.co.uk
Dort finden sie auch übersetzte Clean Language-Fragen
Mehr Artikel von Nick Pole und darüber wie man Clean Language in die Shiatsu Praxis integriert, finden sie auf www.nickpole.com.
Levine, P.A. (1997) Waking the Tiger: healing trauma through the body, Berkeley, CA, North Atlantic Books
Levine, P. (2010) In an Unspoken Voice: how the body releases trauma and restores goodness, Berkeley, CA, North Atlantic Books.
Ogden, P. and Fisher, J. (2015) Sensorimotor Psychotherapy: interventions for trauma and attachment, New York and London, Norton.
Rothschild, B. (2000) The Body Remembers: the psychophysiology of trauma and trauma treatment, New York, Norton.

 

Warum bleiben wir eigentlich gesund?

Warum bleiben wir eigentlich gesund?

Das Selbstverständliche in Frage zu stellen, ja überhaupt wahrzunehmen hat schon immer eine größere Bewusstheit erfordert, als das zu spüren, was nicht (mehr) funktioniert. Eine verstopfte Nase, ein Zahnschmerz, eine Blase an der Ferse: wir haben fast keine Chance, diese Phänomene nicht wahrzunehmen. Doch was ist mit dem völlig gesunden Mittelfinger, unseren einwandfrei arbeitenden Speicheldrüsen, dem sich ewig hebenden und senkenden Zwerchfell? Kein Gedanke daran. Läuft doch, funktioniert doch, stimmt doch alles. Ja, in der Tat, und das Nicht-bewusst- wahrnehmen macht auch Sinn, denn sonst wäre unser Gehirn schnell überflutet und blockiert von Informationen all dessen, was in uns und um uns herum funktioniert. Dazu gehören alle autonom ablaufenden Körperprozesse, die Wahrnehmung unserer Grenzen und der Focus auf unser individuelles Wohlgefühl, unsere Emotionen, unsere Gesundheit.

Die großen Theorien des Zen Shiatsu, die Lehre vom Kyo, als größtes Bedürfnis, und Jitsu, als Strategie der Erfüllung, die Harabefundung und die Arbeit am Meridian, besonders in Bereichen von Stagnation, Blockierung und Leere, lenkt das Augenmerk eindeutig darauf, was nicht richtig „funktioniert“ im Menschen. Und bietet als Lösungsmöglichkeit den Ausgleich über Impulse der betreffenden Meridiane an. Warum lernen und lehren wir nicht einen Ansatz, bei dem wir herausfinden, welche Meridianqualität am besten „funktioniert“ und versuchen, damit zu arbeiten und im Menschen ein hohes positives energetisches Schwingungsniveau zu unterstützen, so dass sich das nicht „funktionierende“ auflöst…?

Einzelne Shiatsupraktiker arbeiten auf diese Weise. Therapierichtungen, wie z.B. die Traumatherapie arbeitet mit dem Ansatz, den Blick auf das zu lenken, was selbst in extremen Situation „funktioniert“ hat. Auch die Schmerztherapie kennt dieses Modell. Antonovsky bietet mit seinem Konzept der Salutogenese einen erfrischenden Ansatz, um unseren Focus darauf zu lenken, was stabil, tragend und unterstützend ist. Wie ich finde, eine Bereicherung für alle ganzheitlichen Körperarbeiter.

Der Medizinsoziologe Prof. Dr. Aaron Antonovsky hat in seinen Forschungen den Blick darauf gelenkt, warum es Menschen gelingt, auch unter denkbar ungünstigen Voraussetzungen psychisch gesund zu bleiben. Er selbst wurde 1923 in New York geboren und siedelte 1960 nach Israel um. Dort hat er am Applied Social Research Institute zahlreiche Forschungen durchgeführt.

Eher durch Zufall ist er bei einer Studie über israelische Frauen in der Menopause darauf gestoßen, dass 29 % der Frauen, die die Schrecken und Grauen eines Konzentrationslagers überlebt hatten, sich guter psychischer Gesundheit erfreuten. Er selbst hatte den zugrunde liegenden wissenschaftlichen Fragebogen um ein Kästchen „Konzentrationslager“ ergänzt und staunte nun über dieses am Rande auftretende Ergebnis. Seine Neugier war geweckt. Antonovsky wollte daraufhin an Hand weiterer Befragungen herausfinden, wie Menschen unter traumatischen, tragischen, schmerzhaften Erlebnissen und Erfahrungen ihre psychische Gesundheit bewahren können.

Mit einer Pilotgruppe von Menschen, die entweder behindert waren, einen nahen Menschen verloren hatten oder plötzlich in den wirtschaftlichen Ruin abgerutscht waren, fand er Faktoren heraus, die auf eine starke Fähigkeit schlossen, trotz widriger Umstände gesund zu bleiben. Er nannte diese Fähigkeit Kohärenz. Kohärenz meint dabei soviel wie Zusammenhalten, Halt haben. Die einzel-nen unterstützenden Wesensmerkmale der Kohärenz sind: Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit. Je stärker diese ausgeprägt sind, umso höher ist der Kohärenzsinn (Sence of Cohärenz) insgesamt. Gerade durch den letztgenannten Faktor, die Sinnfrage, können die wissenschaftlichen Untersuchungen Antonovskys übrigens auch schlüssig im Zusammenhang mit den Erkenntnissen des Wiener Neurologen und Psychologen Victor Frankl, der sich als Holocaustüberlebender ausgiebig mit der Frage nach Sinn und Sinnlosigkeit beschäftigt hat, gesehen werden.

Verstehbarkeit
Kann ich das, was passiert, in einem größeren Zusammenhang verstehen? Gibt mir mein Umfeld Möglichkeiten zu begreifen, was geschieht? Habe ich Erklärungsmodelle für das, was sich ereignet?

Eine Frau, die auf die Geburtsschmerzen durch Berichte und Erzählungen vorbereitet ist, wird leichter durch die Schmerzen gehen. Ein junges Mädchen, das ihre erste Menstruation erlebt und versteht, wird sich nicht umbringen, weil es denkt, sie hat Krebs (wie es früher immer wieder geschehen ist).

Auch sind zum Beispiel Unglücke und Naturkatastrophen leichter zu verarbeiten und hinterlassen weniger häufig eine traumatische Erfahrung, als zwischenmenschliche Schrecklichkeiten, wie etwa Vergewaltigung, Mord und Entführungen.

Handhabbarkeit
Gehe ich davon aus, dass ich, was immer mir im Leben widerfahren wird, bewältigen kann? Habe ich in der Vergangenheit erlebt, dass ich mit Schwierigkeiten und Herausforderungen umgehen kann? Gehe ich zuweilen gestärkt aus einer Krise hervor?

Das ureigene Vertrauen oder gar Wissen, dass ich Krisenbewältigungsstrategien immer wieder neu benutzen und erfinden kann, macht stark. Es reicht sogar das Vertrauen, dass jemand anders mir hilft. Dies kann eine konkrete Person, eine unterstützende Gruppe „zusammen schaffen wir es“ oder auch der Glaube an eine größere Kraft „mit Gottes Hilfe“ sein.

Sinnhaftigkeit
Sehe ich einen Sinn in dem, was gerade (Schlimmes) passiert? Fühlt es sich trotz leid- oder schmerzhafter Erfahrungen insgesamt stimmig an? Kann ich eine Bedeutung in der Situation erkennen? Dieser Aspekt würdigt die Tatsache, dass wir durchaus leidensfähig sind, wenn wir dem eine übergeordnete Bedeutung geben. Eine Mutter, die nachts ihr Baby stillt und selbst nicht (gut) schlafen kann, wird darin in der Regel einen tiefen Sinn sehen. Ein Teenager der sich unter Schmerzen tätowieren lässt, erlebt dadurch eine stärkere Individualisierung und durchaus ein Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gruppe. Politische Häftlinge er- und überleben in der Regel auch lange Haftstrafen in guter psychischer Verfassung. Nelson Mandela, der nach 25 Jahren politischer Haft entlassen wurde, hat nicht nur die Zeit während seiner Haft aktiv genutzt (z.B. ein Fernstudium in Jura abgeschlossen), sondern nahm nach seiner Entlassung entschlossen seine politischen Aktivitäten wieder auf. Maria Stuart, die nach zwanzigjähriger Gefangenschaft mit Würde und Stolz im Glauben an die katholische Kirche das Schafott betrat ist ein weiteres Beispiel, ebenso ein Mensch, der einen ungeliebten Job macht, um dadurch seine Kinder zu ernähren.

Für ein stark ausgeprägtes Kohärenzgefühl ist die Sinnhaftigkeit von enormer Bedeutung. Das Verständnis von Erlebnissen und Herausforderungen, gepaart mit dem Wissen, sie handhaben zu können, macht allein noch kein starkes Kohärenzgefühl aus, solange die Sinndimension fehlt. Das Kohärenzgefühl ist das Wissen um den inneren Zusammenhang oder auch Zusammenhalt bei gleichzeitiger Anbindung an einen äußeren Halt. Je stärker der Kohärenzsinn, desto stabiler die psychische Gesundheit. Das Kohärenzgefühl ist die Fähigkeit, die eigenen Ressourcen zur Gesunderhaltung zu nutzen

 

Salutogenese

Antonovsky nannte sein Konzept Salutogenese. Im Gegensatz zu der Pathogenese, die wissen möchte, warum wir krank werden, fragt die Salutogenese, warum wir gesund bleiben.

Würde sich zum Beispiel in einer Erhebung zeigen, dass 30 % der übergewichtigen Bevölkerung herzinfarktgefährdet sind, würde sich die Salutogenese dafür interessieren, warum zum Teufel denn 70 % der übergewichtigen Bevölkerung nicht zur Risikogruppe Herzinfarkt gehören. Die Pathogenese käme womöglich zu Ergebnissen, wie Bewegungsmangel, hoher Alkoholkonsum und Fast-Food-Ernährung. Die Salutogenese würde dagegen Faktoren ‚finden‘ wie ein starker Familienverband, Optimismus, regelmäßige Entspannungsstrategien.

Nach Antonovsky existiert eh nie ein Zustand von entweder Gesundheit oder Krankheit. Jeder gesunde Mensch hat zumindest einen winzigen Teil an Krankheit in sich. Und jeder Kranke ist auch in einigen Bereichen noch gesund. Nach Antonovsky befinden wir uns auf einem Kontinuum zwischen diesen beiden Polen. Und die Frage ist, wie weit wir von den Polen entfernt sind.

Die Untersuchungen und Forschungen von Aaron Antonovsky zeigen, dass wir für unser Gesund sein keinesfalls perfekte äußere Bedingungen brauchen, sondern vielmehr ein entwickeltes Potenzial an emotionaler, sozialer und menschlicher Kompetenz. Sich z.B. wissentlich und mit Würde gegen eine konventionelle Behandlungsmethode zu entscheiden, kann viel mehr Sinn ergeben, als sich einer als entwürdigend empfundenen Therapie zu unterziehen. Die Erkenntnis, dass unseren Handlungen ein Sinn innewohnt, sie also sinnvoll sind, ist an sich bereits heilsam.

Der Zulauf zu Methoden und Möglichkeiten der nicht konventionellen Medizin und das entsprechend wachsende Angebot alternativer Heilmethoden ist ein deutlicher Hinweis auf die Übernahme einer neuen, Sinn gebenden Verantwortlichkeit des Einzelnen im Umgang mit unserer Gesundheit.

 

 

Literatur:
Antonovsky, Aaron: Health, stress, and coping. New perspectives on mental and physical wellbeing
Antonovsky, Aaron: Unraveling the mystery of health. How people manage stress and stay well.
Antonovsky, Aaron: Salutogenese. Zur Entmystifizierung der Gesundheit.
BZgA (Hrsg.): Was erhält den Menschen Gesund? Antonovskys Modell der Salutogenese – Diskussionstand und Stellenwert
Schiffer, Eckhard: Wie Gesundheit entsteht. Salutogenese: Schatzsuche statt Fehlerfahndung

 

Autorin: Ulrike Schmidt, Shiatsulehrerin und Leiterin der Berliner Schule für Zen Shiatsu